
Mit wem spreche ich? Die Gedanken über die s.g. „Scheinvollmacht“ im Geschäftsleben
Das bekannte Sprichwort „Zeit ist Geld“ stammt von Benjamin Franklin und ist im Jahr 1748 in seinem Buch „Ratschläge für junge Kaufleute“ erstmals erschienen. Seitdem wird sie in meisten europäischen Sprachen verwendet, diese Redewendung gibt’s sogar auch auf Chinesich (一寸光阴一寸金).
Jeder Kaufmann kennt es gut. Der Druck, schnell Geschäfte abzuschließen, hat in den letzten Jahren nicht nur wegen erheblichem Rückgang der Sparzinsen, die in nunmehr effektiv bei 0% liegen, sondern auch wegen massiver Veränderungen in den Kommunikationswegen, noch weiter genommen. Alle sind fast überall erreichbar, die Logistik statt meistens keine große Herausforderung, es ist häufig eine reine Auftragsvergabe über Transportbörsen.
Alles funktioniert sehr gut, solange die Lieferungen rechtszeitig ankommen, Transporte ausgeführt werden und Zahlungen dem Bankkonto gutgeschrieben werden. Unterbleibt dies, in der Praxis gibt’s drei Hauptgründe: Es handelt sich um einen Betrug, es tauchen Liquiditätsprobleme bei unserem Vertragspartner oder die wir haben mit einer unberechtigten Person gesprochen, die vielleicht auch nur gutgläubig Ihrem Unternehmen helfen wollte, aber im Nachhinein nicht unbedingt auf Akzeptanz der Vorgesetzten hoffen kann.
Was ist dann zu machen, wenn wir ein Geschäft eingegangen sind, ohne sorgfältig die Vertretungsregeln unseren Vertragspartners zu prüfen? Ist der Vertrag auch dann nichtig, wenn wir offiziell, etwa mittels einer Firmenemail mit der entsprechenden second-level domain angeschrieben wurden? Wie sieht es aus, wenn Sie grenzüberschreitende Geschäfte in Europa machen? Ist immer ein solches Geschäft nichtig und müssen Sie Ihren Geldern oder Waren hinterher laufen?
Nicht immer. Viele europäische Rechtsordnungen kennen den Begriff der Scheinvollmacht („apparent authority“).
In Deutschland sagt die Rechtsprechung dazu u.A. Folgendes:
„Eine Anscheinsvollmacht ist dagegen gegeben, wenn der Vertretene das Handeln des Scheinvertreters nicht kennt, er es aber bei pflichtgemäßer Sorgfalt hätte erkennen und verhindern können, und wenn der Geschäftspartner annehmen durfte, der Vertretene kenne und billige das Handeln des Vertreters (…) Allerdings greifen die Rechtsgrundsätze der Anscheinsvollmacht in der Regel nur dann ein, wenn das Verhalten des einen Teils, aus dem der Geschäftsgegner auf die Bevollmächtigung des Dritten glaubt schließen zu können, von einer gewissen Dauer und Häufigkeit ist.“
[BGH, Urteil vom 11. Mai 2011 – VIII ZR 289/09]
In Großbritannien wird u.A. ausgeführt:
„52. In a commercial context, absent dishonesty or irrationality, a person should be entitled to rely on what he is told: this may occasionally produce harsh results, but it enables people engaged in business to know where they stand. As to principle, apparent authority is essentially a species of estoppel by representation (see per Diplock LJ in Freeman & Lockyer [1964] 2 QB 480 , 503, cited above, and per Brennan J in the High Court of Australia in Northside Developments Pty Ltd v. Registrar-General (1989-1990) 170 CLR 146 , 173–4). In the field of misrepresentation, it is clear that „it is no defence to an action for rescission that the representee might have discovered its falsity by the exercise of reasonable care“ – per Chitty on Contracts (30th edition) para.6-039 and the cases cited in footnote 190. Even more in point, there is this passage in Halsbury’s Laws (4th edition reissue) Vol 16(2), para.1072, dealing with estoppel by representation: „If … [the party contending that he relied on the representation] really has relied upon its truth, it is no answer to say that, if he had thought about it, he must have known that it was untrue; the representation itself was what put him off his guard. If the representation is clear and unequivocal … he is under no obligation to make investigation or inquiry to ascertain whether it is true.
[Thanakharn Kasikorn Thai Chamkat (Mahachon) v Akai Holdings Ltd (in liquidation) [2010] HKCFA 63, LNOC v Watford [2013] EWHC 3615 (Comm) Case No: 2012 FOLIO 1264]
In den Niederlanden wird u.A. als Recht entschieden:
De rechtbank heeft de vordering afgewezen. Zij overwoog daartoe in de kern dat Cadform, gezien de functie van [betrokkene 2] en de bestaande relatie tussen partijen, erop mocht vertrouwen dat [betrokkene 2] bevoegd was namens GWK Bank de onderhavige opdracht aan haar te geven. In de gegeven omstandigheden rustte op Cadform geen onderzoeksplicht. Het feit dat binnen de organisatie van GWK Bank blijkbaar geen sluitend controlesysteem bestond, kan aan Cadform niet met succes worden tegengeworpen. Zij is dus niet tekortgeschoten in haar verplichtingen jegens GWK Bank, zodat de door laatstgenoemde geleden schade niet op haar kan worden afgewenteld.
[GWK Bank NV v. Cadform, C 01/018]
In Spannien u.A.:
La falta de constancia en el pagaré de que se actúa en nombre ajeno no excluye la posibilidad de la heteroeficacia de la representación directa, obligando a la entidad representada, pese a que no conste en el título cambiario.
[STS de 22/10/2014 (Recurso 3088/2012)]
Letztendlich in Polen wird u.A. gesagt:
Wymogiem nowoczesnej gospodarki jest szybkie podejmowanie czynności, co umożliwia korzystanie z urządzeń technicznych, będących w powszechnym użytku przedsiębiorstw i służących także do składania oświadczeń woli. Nie ma więc żadnych podstaw, by wyłączyć możliwość zawierania umów na odległość, jak również, by wyłączyć w takiej sytuacji stosowanie art. 97 KC mającego na celu bezpieczeństwo obrotu i ochronę uzasadnionego zaufania klientów do osób działających w imieniu przedsiębiorcy. Użyte w art. 97 KC pojęcie „lokal przedsiębiorstwa przeznaczony do obsługiwania publiczności” musi być rozumiane szeroko, jako każde miejsce w przedsiębiorstwie w którym znajdują się osoby i urządzenia służące do kontaktów z klientami i składania oświadczeń woli także na odległość.
[Wyrok Sądu Apelacyjnego w Białymstoku – I Wydział Cywilny z dnia 26 sierpnia 2016 r. I ACa 263/16]
Es wäre ein vertiefter, mehrseitiger wissenschaftlicher Aufsatz notwendig, um diese Rechtsprechung grundlegend zu analysieren. In allen diesen Ländern werden aber bestimmte, manchmal sogar weitgehende Voraussetzungen eingeführt, um die unberechtigte Person als befugt, Geschäfte für das Unternehmen, in welchem die arbeitet, abzuschließen. In allen diesen Ländern gibt es aber wohl zwei gemeinsame Punkte:
- a) auf die mutmaßliche Befugnis darf man nicht bei allererstem Kontakt mit einem neuen Vertragspartner vertrauen
sowie
- b) die vertrauende Person muss eine gewisse Sorgfalt, gemäßen an den Umständen des Falles, immer darbringen.
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Daher, es lohnt sich Sie Geschäftsleben auch ein anderes, altes Sprichwort der klugen Griechen und Römer zu berücksichtigen: σπεῦδε βραδέω (Lateinisch: Festina lente). Eile mit Weile – und denken Sie ein paar Sekunden mit dem, mit wem Sie sprechen.
